GOÄ 1807: Harnblasenplastik korrekt abrechnen

6 Min. Lesezeit
GOÄ 1807
Operative Bildung einer Harnblase aus Ileum oder Kolon
Punktzahl 4070  
Einfachsatz 237,23 € 1,0x
Regelhöchstsatz 545,63 € 2,3x
Höchstsatz 830,30 € 3,5x
Ausschlüsse

Die Abrechnung der GOÄ-Ziffer 1807 birgt urologische und gebührenrechtliche Fallstricke. Erfahren Sie, wie Sie Harnblasenplastiken rechtssicher liquidieren.

Offizielle Beschreibung der GOÄ-Ziffer 1807

GOÄ-Ziffer 1807: Operative Bildung einer Harnblase aus Ileum oder Kolon (4070 Punkte)

Die GOÄ-Ziffer 1807 beschreibt die operative Bildung einer Ersatzblase unter Verwendung von körpereigenem Darmgewebe. Diese urologische Rekonstruktion erfolgt meist nach einer vollständigen Entfernung der natürlichen Harnblase. Die Leistung umfasst die Entnahme des Darmsegments, dessen urologische Präparation sowie die Implantation der Harnleiter.

In der urologischen Praxis stellt dieser Eingriff eine hochkomplexe rekonstruktive Maßnahme dar. Die Ziffer deckt primär die inkontinente Harnableitung ab, wie sie beim klassischen Ileum-Conduit oder Kolon-Conduit durchgeführt wird. Hierbei wird das Urinreservoir direkt über ein Stoma an die Bauchwand ausgeleitet.

GOÄ 1807 in der Praxis: Indikationen und klinischer Kontext

Der klinische Haupteinsatzbereich der GOÄ 1807 liegt in der onkologischen Urologie. Nach einer radikalen Zystektomie aufgrund eines muskelinvasiven Harnblasenkarzinoms ist eine neue Harnableitung zwingend erforderlich. Auch schwere neurogene Blasenentleerungsstörungen oder Schrumpfblasen können diesen Eingriff notwendig machen.

Bei der Wahl des Verfahrens muss zwischen kontinenten und inkontinenten Ableitungen unterschieden werden. Die GOÄ 1807 bildet das Fundament für beide Formen der Harnblasenersatzplastik. Während das einfache Conduit direkt über die Ziffer abgebildet wird, erfordern komplexere Verfahren zusätzliche gebührenrechtliche Überlegungen.

Die Abgrenzung zu rein kontinenten Rekonstruktionen ist für eine vollständige Honorierung essenziell. Da moderne Operationsverfahren oft über das historische Maß der GOÄ hinausgehen, müssen urologische Praxen die Ziffernkombinationen präzise wählen.

Typische Praxisbeispiele für die GOÄ 1807

Fallbeispiel 1: Klassisches Ileum-Conduit nach Zystektomie

Ein Patient mit einem fortgeschrittenen Harnblasenkarzinom unterzieht sich einer radikalen Zystektomie. Im selben Eingriff erfolgt die Anlage eines inkontinenten Ileum-Conduits zur Harnableitung. Die Zystektomie wird eigenständig codiert, da sie nicht Bestandteil der rekonstruktiven Phase ist.

Die Abrechnung erfolgt über die Kombination der GOÄ-Ziffer 1808 für die Zystektomie und der GOÄ-Ziffer 1807 für die Harnblasenbildung. Beide Leistungen sind nebeneinander voll berechnungsfähig, da es sich um separate operative Schritte handelt.

Fallbeispiel 2: Kontinente Neoblase (Mainz-Pouch I)

Bei einer Patientin wird nach Zystektomie ein kontinentverschlussfähiger Mainz-Pouch I aus Anteilen von Ileum und Kolon gebildet. Dieser Eingriff geht weit über die Standardleistung eines einfachen Conduits hinaus. Der Patient kann die Ersatzblase später selbstständig katheterisieren.

Neben der GOÄ 1807 wird für die aufwendige Pouch-Bildung die GOÄ-Ziffer 3210 analog zusätzlich in Ansatz gebracht. Diese analoge Bewertung sichert die adäquate Abbildung des erheblichen urologisch-rekonstruktiven Mehraufwands.

Fallbeispiel 3: Orthotoper Harnblasenersatz nach Studer

Ein Patient erhält nach Zystektomie eine orthotope Neoblase aus einem ausgeschalteten Dünndarmsegment, die an die Harnröhre angeschlossen wird. Der Eingriff erfordert eine präzise uretro-intestinale Anastomose, um die natürliche Miktion zu erhalten. Der zeitliche und technische Aufwand ist extrem hoch.

In diesem Fall wird die GOÄ 1807 mit einem erhöhten Steigerungsfaktor von 3,5 abgerechnet. Die Begründung muss die schwierige Anastomosierung und die aufwendige Modellierung der Neoblase detailliert beschreiben.

Häufige Fehler bei der GOÄ 1807: Was Prüfer beanstanden

Ein häufiger Fehler liegt im fehlerhaften Ausschluss von Vorleistungen. Private Krankenversicherungen versuchen gelegentlich, die vorangehende Zystektomie als Zielleistung der Harnblasenbildung darzustellen. Dies ist medizinisch und gebührenrechtlich falsch, da die Exstirpation ein eigenständiger Heileingriff ist.

Zudem muss der explizite Ausschluss der GOÄ-Ziffer 3167 beachtet werden. Diese Ziffer darf unter keinen Umständen am selben Behandlungstag neben der GOÄ 1807 liquidiert werden. Ein Verstoß führt unweigerlich zur Stornierung der gesamten Position durch die Prüfstellen.

Achtung: Die bloße Verwendung von Gewebeklebern oder speziellen Nahtmaterialien rechtfertigt keine analoge Zusatzberechnung neben der GOÄ 1807. Solche Materialien sind mit dem Regelsatz der operativen Hauptleistung abgegolten.

Auch die unvollständige Dokumentation von Komplikationen führt häufig zu Kürzungen bei Schwellenwertüberschreitungen. Werden Erschwerungsgründe nicht direkt im OP-Bericht verankert, lehnen Beihilfestellen die Überschreitung des 2,3-fachen Satzes regelmäßig ab.

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Dokumentation der GOÄ 1807: Praxisbewährte Hinweise

Eine lückenlose Dokumentation ist das wirksamste Mittel gegen Honorarkürzungen. Der Operationsbericht muss die exakte Länge des verwendeten Darmsegments sowie die Art der uretro-intestinalen oder kutanen Anastomose ausweisen. Auch die Implantationstechnik der Harnleiter (z. B. nach Wallace oder Nesbit) muss präzise beschrieben werden.

Besondere anatomische Verhältnisse oder intraoperative Komplikationen müssen zwingend dokumentiert werden. Nur so lässt sich ein erhöhter Steigerungsfaktor im Nachgang plausibel gegenüber Kostenträgern begründen. Die Dokumentation sollte unmittelbar nach dem Eingriff erfolgen.

Dokumentationsbeispiel: "Radikale Zystektomie bei Urothelkarzinom. Anschließend Isolierung eines 20 cm langen Ileumsegments. Ausschaltung und Rekonstruktion der Darmkontinuität mittels Seit-zu-Seit-Anastomose. Antirefluxive Implantation beider Ureteren in das Ileumsegment nach Nesbit. Ausleitung als kontinentes Stoma. Intraoperativ erschwerte Präparation bei ausgeprägten Verwachsungen nach Voroperation."

Tipp: Verwenden Sie standardisierte OP-Vorlagen in Ihrer Praxissoftware, die alle abrechnungsrelevanten Details der GOÄ 1807 systematisch abfragen.

GOÄ 1807: Steigerung und sinnvolle Ziffernkombinationen

Steigerungsfähigkeit

Die GOÄ-Ziffer 1807 kann bei überdurchschnittlichem Aufwand über den Regelsatz von 2,3 gesteigert werden. Typische Begründungen für einen Faktor bis zu 3,5 sind ausgeprägte Adhäsionen im Bauchraum, Zustand nach Bestrahlung oder ausgeprägte Adipositas. Auch eine verlängerte Operationszeit durch anatomische Varianten rechtfertigt die Steigerung.

Wichtig ist, dass die Begründung patientenbezogen und medizinisch nachvollziehbar formuliert wird. Pauschale Floskeln wie "erhöhter Zeitaufwand" reichen den privaten Krankenversicherungen meist nicht aus. Es müssen die konkreten chirurgischen Erschwernisse benannt werden.

Typische Ziffernkombinationen

Die GOÄ 1807 wird fast nie isoliert erbracht. Typische Kombinationspartner sind die GOÄ-Ziffer 1808 für die Zystektomie sowie die GOÄ-Ziffer 3210 analog für die Pouch-Bildung. Auch Anästhesieleistungen und postoperative Überwachungen werden regelmäßig hinzugerechnet.

Zudem können urologische Zusatzleistungen wie die Ureterocutaneostomie (GOÄ 1802) oder Lymphadenektomien im Operationsgebiet unter Beachtung der Kombinationsregeln abrechnungsfähig sein. Eine genaue Prüfung der Ausschlüsse im Vorfeld verhindert Honorarverluste.

Ziffer 1807 in der neuen GOÄ

Die alte Ziffer 1807 (Operative Bildung einer Harnblase aus Ileum oder Kolon, heute 545,63 € beim 2,3-fachen Satz) löst sich in der neuen GOÄ in mehrere Leistungen auf — die Abrechnung hängt vom konkreten Eingriff und den Patientenmerkmalen ab:

  • Bei Ileumkonduit oder Kolonkonduit: 10167 Anlage eines Ileumkonduit/Kolonkonduit, ggf. einschließlich -Mobilisation der Harnleiter -Teilresektion Dünn-/Dickdarm -Dünn-/Dickdarmanastomose -Verlagerung eines Darmteils innerhalb des Abdomens -Harnleiterimplantation(en) in den Darm -Anlage des Hautstomas -Harnleiterschienung, auch beidseits -Adhäsiolyse -Stomaversorgung (1.105,99 €)
  • Bei Sigma- oder Rektumpouch: 10168 Anlage eines Sigma-/Rektumpouch, ggf. einschließlich -Mobilisation der Harnleiter -Harnleiterimplantation(en) in den Darm, auch mittels submukösem oder serösem Tunnel -Harnleiterschienung, auch beidseits -Adhäsiolyse (1.146,52 €)
  • Bei Kontinenter Nabel-Pouch: 10169 Anlage eines kontinenten (Nabel-)Pouch, ggf. einschließlich -Mobilisation der Harnleiter -Adhäsiolyse -Teilresektion Dünn-/Dickdarm -Dünn-/Dickdarmanastomose -Verlagerung eines Darmteils innerhalb des Abdomens -Faltung -Detubularisation und Rekonfiguration des Darmes -Harnleiterimplantation(en) in den Darm, auch mittels submukösem oder serösem Tunnel -Harnleiterschienung, auch beidseits -Bildung eines katheterisierbaren Kontinenzmechanismus -Stomaversorgung (1.529,53 €)
  • Bei Orthotope Neoblase: 10170 Bildung einer orthotopen Neoblase, ggf. einschließlich -Mobilisation der Harnleiter -Adhäsiolyse -Teilresektion Dünn-/Dickdarm -Dünn-/Dickdarmanastomose -Verlagerung eines Darmteils innerhalb des Abdomens -Faltung -Detubularisation und Rekonfiguration des Darmes -Harnleiterimplantation(en) in die Neoblase, auch mittels submukösem oder serösem Tunnel -Harnleiterschienung, auch beidseits -Harnröhrenanastomose (1.370,70 €)

Die Spanne der primären Festpreise reicht von 1.105,99 € bis 1.529,53 € — die Dokumentation des konkreten Eingriffs und der Patientenmerkmale entscheidet über die zutreffende Ziffer.

Stand: Entwurf vom 15. Juli 2026 (BÄK/PKV-Verband). Der Entwurf ist ein Verhandlungsstand — Ziffern und Bewertungen können sich bis zum Inkrafttreten ändern. Unsere vollständige Auswertung: GOÄ neu im Zahlen-Check.

Häufige Fragen zur GOÄ-Ziffer 1807

Ja, die vorangehende Exstirpation der Harnblase ist eine eigenständige Leistung und wird separat abgerechnet. Typischerweise erfolgt dies über die GOÄ-Ziffer 1808.
Bei der Bildung einer kontinenten Neoblase kann neben der GOÄ 1807 zusätzlich die GOÄ 3210 analog herangezogen werden. Dies trägt dem deutlich höheren operativen Aufwand im Vergleich zum einfachen Conduit Rechnung.
Die GOÄ-Ziffer 1807 darf nicht zeitgleich mit der GOÄ-Ziffer 3167 abgerechnet werden. Andere urologische Haupteingriffe wie die Zystektomie sind hingegen problemlos kombinierbar.
Ein erhöhter Steigerungsfaktor bis 3,5-fach ist bei erschwerten Bedingungen wie ausgeprägten Verwachsungen, Adipositas permagna oder Voroperationen begründbar. Auch eine besonders zeitaufwendige Rekonstruktion rechtfertigt die Steigerung.
Ja, die GOÄ 1807 bildet die gebührenrechtliche Grundlage für den orthotopen Harnblasenersatz. Je nach Kontinenzmechanismus kann eine analoge Zusatzziffer oder ein erhöhter Steigerungsfaktor gewählt werden.
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