Die Abrechnung der Thorakoplastik mit Entschwartung nach GOÄ-Ziffer 2955 wirft oft Fragen auf. Erfahren Sie alles zu Fallstricken, Ausschlüssen und Dokumentation.
Offizielle Beschreibung der GOÄ-Ziffer 2955
Thorakoplastik mit Entschwartung – gegebenenfalls einschließlich Muskelimplantation und Entnahme des Implantates –
Die GOÄ-Ziffer 2955 beschreibt eine hochkomplexe thoraxchirurgische Intervention. Sie kombiniert die plastische Veränderung der Brustwand (Thorakoplastik) mit der Entfernung von entzündlich verdicktem Lungenfell (Entschwartung bzw. Dekortikation). Diese Maßnahme dient dazu, der Lunge wieder die notwendige Ausdehnungsfähigkeit zu geben.
Im Leistungstext ist explizit verankert, dass eine eventuell erforderliche Muskelimplantation sowie die spätere Entnahme des Implantates bereits mit der Gebühr abgegolten sind. Dies schränkt die zusätzliche Abrechnung von plastischen Muskelverlagerungen im selben Operationsgebiet stark ein.
GOÄ 2955 in der Praxis: Indikationen und klinischer Stellenwert
Die Durchführung einer Thorakoplastik mit Entschwartung ist heute meist fortgeschrittenen oder chronischen Krankheitsverläufen vorbehalten. Typische Indikationen umfassen das chronische Pleuraempyem, bei dem konservative oder minimal-invasive Verfahren versagt haben. Auch ausgeprägte, restriktive Pleuraschwarten nach Tuberkulose oder schweren Traumata erfordern diesen Eingriff.
Ziel der Operation ist es, den verbliebenen Pleuraraum zu verkleinern und gleichzeitig die restriktive Fesselung der Lunge zu lösen. Da es sich um einen eingreifenden und komplikationsträchtigen Eingriff handelt, ist eine präzise Indikationsstellung und präoperative Diagnostik zwingend erforderlich.
Typische Praxisbeispiele für die GOÄ 2955
Fallbeispiel 1: Chronisches Pleuraempyem Stadium III
Ein Patient stellt sich mit einem persistierenden, chronischen Pleuraempyem im Stadium III vor. Nach erfolgloser Drainagebehandlung erfolgt die offene Thorakotomie mit ausgedehnter Dekortikation der viszeralen und parietalen Pleura sowie eine Teil-Thorakoplastik zur Obliteration des Empyemraums. Die Abrechnung erfolgt mit der GOÄ-Ziffer 2955 zum Regelhöchstsatz (2,3-fach), da keine außergewöhnlichen Komplikationen auftraten.
Fallbeispiel 2: Posttuberculöse Pleuraschwarte mit restriktiver Ventilationsstörung
Bei einer Patientin mit Zustand nach abgeheilter Tuberkulose besteht eine massive, verkalkte Pleuraschwarte, die zu einer schweren restriktiven Ventilationsstörung führt. Es erfolgt die Thorakoplastik zur Volumenanpassung kombiniert mit einer schwierigen Entschwartung der Lunge. Aufgrund der massiven Verkalkungen und des dadurch erheblich erhöhten Zeitaufwands wird die GOÄ-Ziffer 2955 mit einem Steigerungsfaktor von 3,5 abgerechnet.
Fallbeispiel 3: Rezidivierendes Empyem mit Muskelplastik
Bei einem Patienten mit einer rezidivierenden Empyemhöhle wird eine Thorakoplastik mit Entschwartung durchgeführt. Zur Deckung des Defekts wird ein gestielter M. latissimus dorsi-Lappen in die Höhle implantiert. Da die Muskelimplantation im Leistungstext der GOÄ-Ziffer 2955 enthalten ist, darf die Muskelverpflanzung nach Nr. 2074 nicht zusätzlich berechnet werden. Die Abrechnung erfolgt korrekt ausschließlich über die Ziffer 2955.
Häufige Fehler bei der GOÄ 2955: Was Prüfer beanstanden
Ein häufiger Fehler in der Abrechnungspraxis ist die unzulässige Nebeneinanderberechnung von Einzelleistungen, die bereits im Leistungsumfang der Ziffer 2955 enthalten sind. Insbesondere die separate Abrechnung der Dekortikation nach GOÄ-Ziffer 3010 ist neben der Ziffer 2955 strengstens ausgeschlossen, da die Entschwartung integraler Bestandteil der Leistung ist.
Ebenso führt die zusätzliche Ansetzung der GOÄ-Ziffer 2074 für die Muskelverpflanzung regelmäßig zu Beanstandungen durch private Krankenversicherungen und Beihilfestellen. Der Verordnungsgeber hat diese Kombination explizit ausgeschlossen, da die Muskelimplantation bereits im Text der Ziffer 2955 genannt ist.
Achtung: Die Ziffern 2953 (Thorakoplastik, mehrzeitig, erster Schritt), 2954 (Folgeschritt) und 2959 (Thorakoplastik mit Pneumolyse) dürfen für dieselbe Sitzung ebenfalls nicht neben der Ziffer 2955 abgerechnet werden. Es ist penibel auf diese Ausschlusskriterien zu achten, um Honorarkürzungen zu vermeiden.
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Dokumentation der GOÄ 2955: Praxisbewährte Hinweise
Eine lückenlose und detaillierte OP-Dokumentation ist das wichtigste Instrument zur Abwehr von Honorarkürzungen. Der Operationsbericht muss die Notwendigkeit und Durchführung sowohl der Thorakoplastik als auch der Entschwartung zweifelsfrei belegen. Insbesondere die Darstellung der präoperativen Befunde und der intraoperativen Schwierigkeiten ist essenziell.
Falls eine Muskelimplantation durchgeführt wurde, sollte deren Indikation, Präparation und Einbringung präzise im Bericht beschrieben werden. Dies sichert die Abrechnung ab, selbst wenn die Leistung nicht separat fähig ist, da sie den Gesamtaufwand des Eingriffs verdeutlicht.
Dokumentation: Thorakotomie im Bereich des 5. ICR. Darstellung der massiven, teils schwielig-fibrinösen Pleuraschwarte. Mühsame, scharfe und stumpfe Dekortikation der viszeralen Pleura zur vollständigen Freilegung und Reexpansion der Lunge. Anschließend Resektion von Rippensegmenten zur Verkleinerung des verbliebenen Empyemraums.
GOÄ 2955: Steigerung und sinnvolle Ziffernkombinationen
Steigerungsfähigkeit
Aufgrund der Komplexität des Eingriffs kann der Regelsatz von 2,3 oft überschritten werden. Eine Erhöhung des Steigerungsfaktors bis zum 3,5-fachen Satz muss in der Rechnung patientenbezogen und nachvollziehbar begründet werden. Typische Begründungen sind extreme Verwachsungen nach Voroperationen, massive Blutungsneigung oder eine stark verlängerte Operationszeit durch ausgeprägte Verkalkungen der Pleuraschwarte.
Typische Ziffernkombinationen
Erlaubt ist die Kombination mit Anästhesieleistungen sowie prä- und postoperativen Ziffern, sofern diese nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der operativen Leistung stehen. Selbstverständlich können auch notwendige Sonderleistungen wie die Anlage von Thoraxdrainagen oder aufwendige Gefäßdarstellungen gesondert codiert werden, sofern keine expliziten Ausschlüsse vorliegen.
Tipp: Bei extrem zeitaufwendigen Dekorticationen empfiehlt sich die Nutzung detaillierter Zeitangaben im OP-Bericht. Eine Überschreitung der durchschnittlichen OP-Dauer ist eines der am besten anerkannten Kriterien für eine erfolgreiche Schwellenwertüberschreitung bei privaten Kostenträgern.
Ziffer 2955 in der neuen GOÄ
Ziffer 2955 (Thorakoplastik mit Entschwartung – gegebenenfalls einschließlich Muskelimplantation und Entnahme des Implantates –) verzweigt in der neuen GOÄ je nach Technik oder Indikation. Bisheriger 2,3-facher Satz: 670,31 €.
- bei bis zu vier Rippen / inkomplette Thorakoplastik: 9307 „Inkomplette Thorakoplastik (bis zu vier Rippen), auch als Korrekturthorakoplastik, ggf. einschließlich Thoraxdrainage(n)" (632,09 €)
- bei bis zu vier Rippen / inkomplette Thorakoplastik: 9330 „Offen chirurgisch inkomplette Dekortikation der Lunge, als selbständige Leistung, ggf. einschließlich -Thoraxdrainage(n) -Adhäsiolyse, je Seite" (655,60 €) — je Seite
- bei mehr als vier Rippen / komplette Thorakoplastik: 9308 „Komplette Thorakoplastik (mehr als vier Rippen), auch als Korrekturthorakoplastik, ggf. einschließlich Thoraxdrainage(n)" (1.051,92 €)
- bei mehr als vier Rippen / komplette Thorakoplastik: 9328 „Offen chirurgisch komplette Dekortikation der Lunge, ggf. einschließlich -Thoraxdrainage(n) -Adhäsiolyse, je Seite" (1.035,87 €) — je Seite
Die Bandbreite reicht von 632,09 € bis 1.051,92 € — die Dokumentation des konkreten Vorgehens entscheidet über die Ziffer.
Stand: Entwurf vom 15. Juli 2026 (BÄK/PKV-Verband). Der Entwurf ist ein Verhandlungsstand — Ziffern und Bewertungen können sich bis zum Inkrafttreten ändern. Unsere vollständige Auswertung: GOÄ neu im Zahlen-Check.
Häufige Fragen zur GOÄ-Ziffer 2955
Was hat nicht gestimmt?