Die GOÄ 1260 ist eine hochspezialisierte Leistung. Erfahren Sie, wann die Elektromyographie der Augenmuskeln indiziert ist und wie Sie sie korrekt abrechnen.
Warum Sie unter Wert abrechnen – Leitfaden zu den GOÄ-Steigerungsfaktoren
Die GOÄ erlaubt höhere Steigerungsfaktoren – und die Bundesärztekammer empfiehlt, sie öfter zu nutzen. Dieser Leitfaden zeigt, wann eine Steigerung geboten ist und wie Sie sie korrekt begründen.
Kostenlos herunterladenOffizielle Beschreibung der GOÄ-Ziffer 1260
Elektromyographie der äußeren Augenmuskeln
Die GOÄ-Ziffer 1260 beschreibt eine hochspezialisierte neurophysiologische Untersuchung. Sie umfasst die Ableitung und Messung der elektrischen Aktivität direkt aus den äußeren Augenmuskeln (z.B. Musculi recti oder Musculi obliqui). Dies geschieht in der Regel durch das Einführen sehr feiner Nadelelektroden in den zu untersuchenden Muskel.
Ziel der Untersuchung ist es, die Funktion der Muskeln und der sie versorgenden Nerven zu beurteilen. Die Leistung beinhaltet die gesamte Durchführung, einschließlich der Vorbereitung des Patienten, der Platzierung der Elektroden, der Messung der Muskelaktionspotentiale in Ruhe und bei Willkürinnervation sowie die Auswertung und Interpretation der Ergebnisse. Es gibt keine spezifischen Vorbemerkungen im GOÄ-Abschnitt I, die diese Ziffer direkt einschränken.
GOÄ 1260 in der Praxis: Indikationen und Abgrenzung
Die Elektromyographie (EMG) der äußeren Augenmuskeln ist ein wichtiges diagnostisches Werkzeug bei unklaren Motilitätsstörungen des Auges. Sie wird eingesetzt, um zwischen einer myogenen (muskelbedingten) und einer neurogenen (nervenbedingten) Ursache zu differenzieren. Die Untersuchung ist technisch anspruchsvoll und erfordert große Erfahrung.
Typische klinische Indikationen sind:
- Verdacht auf okuläre Myasthenia gravis, insbesondere bei uneindeutigen pharmakologischen Tests.
- Diagnostik von Hirnnervenstörungen (Okulomotorius-, Trochlearis-, Abduzensparese) zur Lokalisation der Läsion.
- Abklärung einer chronisch progressiven externen Ophthalmoplegie (CPEO).
- Differenzialdiagnose bei endokriner Orbitopathie (Morbus Basedow).
- Beurteilung der Muskelfunktion nach einem orbitalen Trauma.
Achtung: Die GOÄ 1260 ist ausschließlich für die sechs äußeren Augenmuskeln reserviert, die den Augapfel bewegen. Die Untersuchung von Lidmuskeln wie dem M. orbicularis oculi (z.B. bei Blepharospasmus) fällt unter die GOÄ-Ziffern 838 oder 839.
Typische Praxisbeispiele für die GOÄ 1260
Fallbeispiel 1: Verdacht auf okuläre Myasthenie
Klinische Situation: Ein 45-jähriger Patient klagt über tageszeitlich schwankende Doppelbilder und ein herabhängendes Augenlid (Ptosis), das sich bei Müdigkeit verschlimmert. Ein Tensilontest war nicht eindeutig.
Begründung: Zur weiteren Abklärung einer neuromuskulären Übertragungsstörung wird ein EMG des Musculus rectus inferior durchgeführt. Die Untersuchung zeigt ein pathologisches Dekrement bei repetitiver Stimulation, was den Verdacht auf Myasthenia gravis erhärtet.
Korrekte Abrechnung: GOÄ 1260 (Elektromyographie der äußeren Augenmuskeln) neben den entsprechenden Beratungs- und Untersuchungsziffern (z.B. GOÄ 3, GOÄ 1228).
Fallbeispiel 2: Abklärung einer Abduzensparese
Klinische Situation: Eine 62-jährige Patientin kann ihr linkes Auge nicht mehr nach außen bewegen. Es besteht der Verdacht auf eine Parese des N. abducens.
Begründung: Mittels EMG des M. rectus lateralis links wird die Innervation des Muskels überprüft. Es zeigt sich eine reduzierte Anzahl motorischer Einheiten, aber keine Spontanaktivität, was auf eine inkomplette neurogene Schädigung hindeutet.
Korrekte Abrechnung: GOÄ 1260 für die EMG-Untersuchung. Zusätzlich können neurologische Basisuntersuchungen (GOÄ 800) abgerechnet werden.
Fallbeispiel 3: Posttraumatische Doppelbilder
Klinische Situation: Ein Patient leidet nach einer Orbitabodenfraktur unter persistierenden Doppelbildern beim Blick nach oben.
Begründung: Es ist unklar, ob eine Einklemmung des M. rectus inferior oder eine direkte Nerven- bzw. Muskelschädigung vorliegt. Das EMG des betroffenen Muskels zeigt eine normale elektrische Aktivität, was eine neurogene oder myogene Ursache unwahrscheinlich macht und den Verdacht auf eine mechanische Einklemmung (Entrapment) stärkt.
Korrekte Abrechnung: GOÄ 1260 für die differenzialdiagnostische Abklärung.
Häufige Fehler bei der GOÄ 1260: Was Prüfer beanstanden
Die Abrechnung der GOÄ 1260 wird von Kostenträgern aufgrund der hohen Bewertung und der Seltenheit der Untersuchung oft genau geprüft. Folgende Fehler führen häufig zu Beanstandungen:
- Falsche Ziffer für Lidmuskeln: Der häufigste Fehler ist die Abrechnung der GOÄ 1260 für ein EMG des M. orbicularis oculi oder des M. levator palpebrae. Hierfür sind die GOÄ-Ziffern 838 oder 839 aus dem neurologischen Kapitel anzusetzen.
- Mehrfachabrechnung pro Sitzung: Die GOÄ 1260 ist eine Pauschale für die gesamte Untersuchung in einer Sitzung, unabhängig von der Anzahl der untersuchten äußeren Augenmuskeln. Sie ist pro Sitzung nur einmal abrechenbar.
- Fehlende oder unzureichende Indikation: Die medizinische Notwendigkeit muss klar aus der Dokumentation hervorgehen. Eine pauschale Diagnose wie "Doppelbilder" reicht oft nicht aus; eine Verdachtsdiagnose (z.B. "V.a. Okulomotoriusparese") ist erforderlich.
Dokumentation der GOÄ 1260: Praxisbewährte Hinweise
Eine sorgfältige und nachvollziehbare Dokumentation ist entscheidend, um die Abrechnung der GOÄ 1260 gegenüber Prüfstellen zu sichern. Sie sollte alle relevanten Aspekte der Untersuchung umfassen.
Die Dokumentation in der Patientenakte muss mindestens folgende Punkte enthalten:
- Klinische Fragestellung: Die klare medizinische Indikation bzw. Verdachtsdiagnose.
- Untersuchte(r) Muskel(n): Genaue Benennung des Muskels und der Seite (z.B. M. rectus medialis rechts).
- Befundbeschreibung: Beschreibung der abgeleiteten Potentiale (z.B. Spontanaktivität, Amplitude, Dauer, Muster der motorischen Einheiten).
- Interpretation: Die klinische Einordnung des Befundes (z.B. "Befund vereinbar mit einer akuten neurogenen Läsion").
Dokumentation: V.a. okuläre Myasthenie bei belastungsabhängiger Diplopie. EMG des M. rectus medialis rechts: Pathologisches Dekrement von >10% bei repetitiver Stimulation mit 3 Hz. Befund hochgradig verdächtig auf eine neuromuskuläre Übertragungsstörung.
GOÄ 1260: Steigerung und sinnvolle Ziffernkombinationen
Steigerungsfähigkeit
Die GOÄ 1260 kann bei Vorliegen besonderer Umstände über den Regelhöchstsatz (1,8-fach) bis zum Höchstsatz (2,5-fach) gesteigert werden. Eine solche Steigerung erfordert eine nachvollziehbare, patientenbezogene Begründung in der Rechnung. Mögliche Gründe sind ein erheblich erhöhter Zeitaufwand oder eine besondere Schwierigkeit bei der Durchführung.
Beispiele für Begründungen:
- Erschwerte Untersuchung bei einem sehr unruhigen oder ängstlichen Patienten (z.B. Kind).
- Besonders schwierige Elektrodenplatzierung aufgrund von Vernarbungen nach Voroperationen.
- Notwendigkeit der Untersuchung mehrerer Muskeln mit komplexen Provokationstests, was den Zeitaufwand deutlich über das übliche Maß hinaus erhöhte.
Typische Ziffernkombinationen
Die GOÄ 1260 wird oft im Kontext einer umfassenden ophthalmologischen oder neurologischen Abklärung abgerechnet. Sinnvolle und zulässige Kombinationen sind:
- Beratungen und Untersuchungen: GOÄ 1, 3, 4 (bei Neupatienten oder neuer Erkrankung), GOÄ 1200 (augenärztliche Grunduntersuchung).
- Spezifische augenärztliche Diagnostik: GOÄ 1228 (Umfassende Untersuchung des Muskelgleichgewichts), GOÄ 1235 (Prüfung des beidäugigen Sehens).
- Neurologische Untersuchungen: GOÄ 800 (Vollständiger neurologischer Status).
Tipp: Die Materialkosten für die verwendeten Nadelelektroden sind gemäß § 10 GOÄ gesondert berechnungsfähig, da es sich um Einmalartikel handelt. Führen Sie diese unter Angabe von Art, Menge und Preis in der Rechnung auf.
Häufige Fragen zur GOÄ-Ziffer 1260
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