Die Abrechnung der GOÄ-Ziffer 807 erfordert Präzision. Unser Leitfaden zeigt, wie Ärzte die psychiatrische Anamnese bei Kindern und Jugendlichen korrekt dokumentieren und steigern.
Offizielle Beschreibung der GOÄ-Ziffer 807
Erhebung einer biographischen psychiatrischen Anamnese bei Kindern oder Jugendlichen unter Einschaltung der Bezugs- und Kontaktpersonen mit schriftlicher Aufzeichnung, auch in mehreren Sitzungen
Die GOÄ-Ziffer 807 beschreibt eine hochspezialisierte anamnestische Komplexleistung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie umfasst die systematische Erfassung der gesamten bisherigen Lebens- und Entwicklungsgeschichte des jungen Patienten. Dabei ist die Einschaltung von Bezugs- und Kontaktpersonen wie Eltern, Lehrern oder Erziehern ein zwingend vorgeschriebener Bestandteil der Leistung.
Die Erhebung dieser Anamnese erfordert eine detaillierte schriftliche Aufzeichnung der Ergebnisse. Diese Dokumentationspflicht geht zwar nicht über die allgemeinen berufsrechtlichen Pflichten hinaus, unterstreicht jedoch den hohen Stellenwert der Befunde für die weitere Therapieplanung. Da die Erhebung sehr zeitaufwendig sein kann, erlaubt die Leistungslegende ausdrücklich die Aufteilung auf mehrere Sitzungen.
GOÄ 807 in der Praxis: Indikationen und fachliche Qualifikation
Die typischen klinischen Einsatzbereiche der GOÄ 807 liegen in der Diagnostik von Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS, Angststörungen oder depressiven Episoden im Kindes- und Jugendalter. Die Erhebung der biographischen psychiatrischen Anamnese bildet das Fundament für jede fundierte psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung in dieser Altersgruppe.
Obwohl diese Leistung primär im Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie angesiedelt ist, steht sie auch anderen qualifizierten Ärzten offen. So können beispielsweise entsprechend fortgebildete Kinder- und Jugendärzte die Ziffer 807 abrechnen, sofern sie die notwendigen fachlichen Kenntnisse besitzen. Eine formale Zusatzbezeichnung wie "Psychotherapie" oder "Psychoanalyse" ist für die Abrechnung der GOÄ 807 nicht zwingend erforderlich.
Tipp: Wenn mehrere Geschwisterkinder einer Familie gleichzeitig in Behandlung sind, handelt es sich um eigenständige Behandlungsfälle. Die GOÄ 807 kann in diesem Fall für jedes Kind separat abgerechnet werden, wobei eventuelle zeitliche Überschneidungen bei der Einbeziehung der Eltern über den Steigerungsfaktor berücksichtigt werden sollten.
Typische Praxisbeispiele für die GOÄ 807
Fallbeispiel 1: Erstvorstellung bei Verdacht auf ADHS
Ein 8-jähriger Junge wird von seinen Eltern wegen anhaltender Konzentrationsprobleme und schulischer Leistungseinbrüche vorgestellt. Der Arzt führt in zwei getrennten Sitzungen eine ausführliche biographische psychiatrische Anamnese unter Einbeziehung der Mutter und eines Berichts der Klassenlehrerin durch. Die Ergebnisse werden detailliert schriftlich dokumentiert.
In diesem Fall erfolgt die Abrechnung der GOÄ-Ziffer 807 nach Abschluss der zweiten Sitzung. Da die Anamnese über mehrere Termine gestreckt wurde, ist sie dennoch nur einmal im Behandlungsfall ansetzbar.
Fallbeispiel 2: Jugendliche mit depressiver Symptomatik
Eine 15-jährige Jugendliche stellt sich mit Anzeichen einer mittelschweren depressiven Episode vor. Der Arzt erhebt die psychiatrische Anamnese und zieht hierbei die Eltern für ein ergänzendes Gespräch hinzu. Am selben Tag erfolgt zudem eine eingehende psychiatrische Untersuchung.
Abgerechnet wird die GOÄ 807 für die Anamnese. Die psychiatrische Untersuchung kann in diesem Fall jedoch nicht mit der Ziffer 885 kombiniert werden, da diese am selben Tag ausgeschlossen ist. Stattdessen muss die Untersuchung an einem separaten Termin stattfinden oder die Anamnese entsprechend höher gesteigert werden.
Fallbeispiel 3: Analogabrechnung bei einem Erwachsenen
Ein 35-jähriger Patient befindet sich in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Zur vertieften Exploration im Rahmen der biografischen Anamnese führt der Therapeut ein intensives Gespräch unter Einbeziehung des Ehepartners durch.
Da die reguläre GOÄ 807 nur für Kinder und Jugendliche gilt, rechnet der Arzt diese Leistung gemäß den aktuellen BÄK-Empfehlungen von 2024 analog als GOÄ 807a für den erwachsenen Patienten ab.
Häufige Fehler bei der GOÄ 807: Was Prüfer beanstanden
Ein häufiger Fehler in der Praxis ist die unzulässige Nebeneinanderberechnung von Beratungs- und Anamneseziffern. Die GOÄ-Ziffer 807 schließt die Ziffern 1, 3, 4, 22, 30, 34, 801, 817, 835, 860 und 885 im selben Behandlungsfall beziehungsweise am selben Tag aus. Besonders die Fremdanamnese nach GOÄ 4 oder 835 darf keinesfalls zusätzlich berechnet werden, da die Einbeziehung von Bezugspersonen bereits integraler Bestandteil der GOÄ 807 ist.
Ein weiterer Streitpunkt mit privaten Krankenversicherungen ist die Mehrfachabrechnung im selben Behandlungsfall. Da ein Behandlungsfall als Zeitraum von einem Monat definiert ist, darf die Ziffer 807 innerhalb dieses Monats nur einmal auf der Rechnung erscheinen, selbst wenn die Anamnese in mehreren Einzelsitzungen erhoben wurde.
Achtung: Private Krankenversicherungen kürzen häufig die Erstattung, wenn neben der GOÄ 807 am selben Tag eine eingehende Untersuchung nach GOÄ 885 abgerechnet wird. Achten Sie strikt darauf, diese Leistungen organisatorisch und zeitlich zu trennen, um Honorarverluste zu vermeiden.
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Dokumentation der GOÄ 807: Praxisbewährte Hinweise
Eine lückenlose und präzise Dokumentation ist der beste Schutz gegen Honorarkürzungen durch Prüfstellen. In der Patientenakte müssen die biographischen Meilensteine der Entwicklung, die psychiatrische Familienanamnese sowie die psychosozialen Umstände detailliert festgehalten werden. Zudem muss namentlich dokumentiert werden, welche Bezugs- oder Kontaktpersonen in den Prozess einbezogen wurden.
Auch die Aufteilung auf mehrere Sitzungen sollte mit Datum und jeweiliger Dauer präzise dokumentiert werden. Dies dient nicht nur der medizinischen Nachvollziehbarkeit, sondern stützt auch eine eventuelle Faktorerhöhung bei hohem Zeitaufwand.
Dokumentationsbeispiel:
Biographische psychiatrische Anamnese bei Pat. (9 J.) abgeschlossen. Einbeziehung der Mutter (Frau M.) und des Vaters (Herr M.). Entwicklungsschritte: Laufen mit 14 Mon., Sprachentwicklung verzögert. Familiäre Belastung: Depression mütterlicherseits. Schulische Situation: Integrationshelfer beantragt. Schriftlicher Bericht der Schule liegt vor. Gesamtdauer über 2 Sitzungen (12.10. und 19.10.): 90 Minuten.
GOÄ 807: Steigerung und sinnvolle Ziffernkombinationen
Steigerungsfähigkeit
Aufgrund des oft immensen Zeitaufwands in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist eine Überschreitung des Schwellenwertes von 2,3 häufig medizinisch begründet. Ein erhöhter Steigerungsfaktor (bis zum 3,5-fachen Satz) kann beispielsweise mit einer extrem schwierigen Exploration des Kindes, einer ausgeprägten Sprachbarriere oder einer besonders komplexen Familienkonstellation begründet werden. Auch eine ungewöhnlich lange Dauer der Sitzungen rechtfertigt eine Faktorerhöhung.
Typische Ziffernkombinationen
In der kinderpsychiatrischen Komplexbehandlung können verschiedene Elemente sinnvoll kombiniert werden. Erlaubt ist beispielsweise die Kombination der GOÄ 807 mit therapeutischen Leistungen wie der kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung nach GOÄ 886 oder der Beratung der Bezugspersonen nach GOÄ 817, sofern diese an unterschiedlichen Tagen oder in klar getrennten Sitzungen stattfinden. Seit Juli 2024 ist zudem die Analogabrechnung der GOÄ 807 für die vertiefte psychotherapeutische Exploration bei Erwachsenen und Kindern ein wichtiges Instrument zur leistungsgerechten Vergütung geworden.
Ziffer 807 in der neuen GOÄ
Wenn die Erhebung einer biographischen psychiatrischen Anamnese bei Kindern oder Jugendlichen unter Einschaltung der Bezugs- und Kontaktpersonen mit schriftlicher Aufzeichnung, auch in mehreren Sitzungen mit vollständiger Dokumentation durchgeführt wird, gilt künftig Nummer 4405 (Erhebung einer biographischen Anamnese unter psychodynamischen und/oder lerngeschichtlichen Gesichtspunkten und/oder unter Einbeziehung der Bezugs- und/oder Kontaktperson(en), ggf. zur Einleitung und Indikationsstellung, bei analytischer Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie oder systemischer Psychotherapie, einschließlich schriftlicher Aufzeichnung, auch in mehreren Sitzungen) — Festpreis 178,55 €, heute beim 2,3-fachen Satz: 53,61 €. Abgerechnet wird einmal innerhalb von drei Kalendermonaten.
Die Leistung nach Nummer 4405 ist innerhalb von drei Kalendermonaten einmal berechnungsfähig.
Stand: Entwurf vom 15. Juli 2026 (BÄK/PKV-Verband). Der Entwurf ist ein Verhandlungsstand — Ziffern und Bewertungen können sich bis zum Inkrafttreten ändern. Unsere vollständige Auswertung: GOÄ neu im Zahlen-Check.
Häufige Fragen zur GOÄ-Ziffer 807
Was hat nicht gestimmt?